Deutschland ist eine der stärksten Industrienationen der Welt. Trotzdem läuft ein Großteil unserer digitalen Infrastruktur auf Systemen, die wir nicht kontrollieren und deren Zugang langfristig nicht automatisch garantiert ist. Dieses Problem ist alt. Durch KI wird es deutlich beschleunigt und bekommt ein neues Gewicht, für Deutschland und für Europa gemeinsam.
96 Prozent der deutschen Unternehmen kommen ohne den Import digitaler Technologien aus dem Ausland nicht aus. 57 Prozent dieser Unternehmen würden ohne diese Importe maximal ein Jahr überleben. Diese Zahl ist aus über tausend kleinen Beschaffungsentscheidungen entstanden, bei denen niemand das Gesamtbild im Blick hatte.
Drei Schichten dieser Abhängigkeit haben konkrete politische Konsequenzen. Der erste Punkt betrifft den Rechtszugriff. Wenn eine deutsche Behörde, ein Krankenhaus oder ein Rüstungsunternehmen KI einsetzt, läuft das in der Mehrheit der Fälle auf amerikanischer Cloud Infrastruktur. Der CLOUD Act von 2018 erlaubt US Behörden unter bestimmten Bedingungen Zugriff auf diese Daten, unabhängig davon, wo die Server physisch stehen. Das ist geltendes Recht, das bereits angewendet wird, und es betrifft jedes europäische Land, das auf dieselbe Infrastruktur setzt.
Der zweite Punkt betrifft Investitionen und Talent. Private KI Investitionen in den USA lagen 2025 bei 285,9 Milliarden Dollar, in Deutschland bei 3,89 Milliarden Dollar. Wer in Deutschland KI erforscht, verdient im Schnitt ein Drittel dessen, was dieselbe Arbeit in den USA einbringt. Solange das so bleibt, wandert das Talent ab, das wir selbst ausbilden. Für die meisten europäischen Länder gilt das gleichermaßen.
Der dritte Punkt betrifft unser industrielles Wissen. Volkswagen, Siemens und BASF bauen ihre Produktionssysteme zunehmend auf KI gestützte Prozesse um. Fertigungsdaten, Optimierungsalgorithmen und jahrzehntelang gesammeltes Know how laufen dabei auf Infrastruktur, die Konzerne mit Sitz in Seattle oder San Francisco betreiben.
Europa hat mit dem AI Act den ersten umfassenden rechtlichen Rahmen für KI weltweit geschaffen. Laut Stanford AI Index 2026 vertrauen weltweit mehr Menschen der EU als Regulierer als den USA oder China. Regeln brauchen jedoch Infrastruktur, um wirksam zu sein. Die Anzahl staatlich geförderter KI Supercomputer Cluster in Europa stieg von 3 im Jahr 2018 auf 44 im Jahr 2025, angetrieben durch EuroHPC.
Trotzdem bezeichnen sich neun von zehn deutschen Unternehmen als digital abhängig, und 63 Prozent erwarten, dass diese Abhängigkeit in den nächsten fünf Jahren weiter zunimmt. Bei einer Technologie wie künstlicher Intelligenz darf das so nicht bleiben. Die Einigkeit darüber existiert bereits, in Deutschland wie in Europa. Was fehlt, sind die Entscheidungen.
Diese Entscheidungen wirken sich direkt auf die Menschen aus, die Sie vertreten. Auf die Patientin, deren Daten in einer amerikanischen Cloud liegen. Auf die jungen Forscherinnen und Forscher, die ins Ausland abwandern. Und auf die Arbeitsplätze, die an industriellem Wissen hängen, das gerade seinen Standort wechselt.